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Heute gibt es eine Geschichte für euch, vor vielen Jahren selbstgeschrieben.

1859.

Meine Augenlider wurden immer schwerer. Ich riss sie wieder auf. Aber es half nicht. Schwer fiel mein Kopf auf meine Arme, die überkreuzt auf dem Tisch lagen, in der Hand noch den Füller. Warum muss Geschichte aber auch immer so extrem langweilig sein?

Ach du liebes bisschen, wie sieht der denn aus?!
Das war der erste Gedanke zu dem Anblick, der sich mir bot. Der Mann, der mir gegenüber saß, hatte den eigenartigsten Bart, den ich je gesehen habe. Und dann auch noch diese Klamotten! Die waren doch zu Bismarcks Zeiten schon out gewesen. Aber trotzdem sah der Mann ganz freundlich aus. Er schaute aus einem kleinen Fenster. Als ich dasselbe tat, merkte ich, dass wir uns in einer kleinen Kutsche befanden. Scheinbar war dieser komische Mann einer von diesen Mittelalter-Fans, die sich weigerten, in Autos einzusteigen und stattdessen Ritterturniere ausrichteten.
Ich räusperte mich, sodass der Mann gezwungen war, mich anzusehen.
„Wo fahren wir denn gerade hin, wenn ich fragen darf?“, wollte ich von ihm wissen.
„Ich möchte mit dem französischen Kaiser reden“, gab er als Antwort.
„Sie wissen aber schon, das man den Hollande nicht mehr Kaiser nennt, oder?“
„Sie verzeihen, ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich möchte Napoleon sprechen.“
Das wird ja immer besser. Am Ende ist das doch noch Bismarck.
„Und wer sind Sie?“, fragte ich deshalb.
„Henry Dunant“, sagte er und hielt mir die Hand hin.
Na klar, ein Franzose. Kein Wunder, dass der so aussieht, dachte ich mir, während ich mir von ihm die Hand schütteln ließ. Dabei hoffte ich, dass der nicht noch mehr Smalltalk mit mir halten wollte.
Neben mir auf dieser komischen Kutschenbank lag eine Zeitung. Sie trug das Datum 24.6.1859.
„Wow, die ist ja richtig alt! Haben Sie die aus einem Antiquitätenshop?“, rief ich aus, „oder von E-Bay?“
Wieder traf mich dieser verwirrte Blick von meinem Gegenüber.
„Das ist die Zeitung von heute“, sagte er langsam, als zweifle er an meiner Intelligenz. Das begann ich allerdings auch schon. Aber vielleicht ist es auch der Mann, der ein seltsamer Kauz ist. Mit diesem Gedanken gab ich mich schlussendlich zufrieden und ließ mich auf sein Spiel ein.
„Okay, dann ist heute also der 24. Juni 1859, aber warum lesen Sie eine Schweizer Zeitung? Sie sind doch Franzose…“
Der Mann begann zu lachen.
„Gott bewahre, ich bin doch kein Franzos! Ich komme aus Genf. Sie scheinen mir ein wenig verwirrt. Sie sind mit Sicherheit fremd hier und hatten einen langen Weg hierher, nicht wahr? Wenn Sie noch nicht einmal das heutige Datum wissen.“

Ich kam nicht dazu, auf diese Frage zu antworten, denn Lärm ertönte außerhalb der Kutsche. Die vorgespannten Pferde liefen unruhig und blieben schließlich ganz stehen. Henry Dunant schlug mit seinem Stock gegen das Kutschendach und rief: „Was geht da vor sich? Fahren Sie weiter!“
Der Kutscher gab als Antwort nur ein kurzes barsches „So sehen Sie doch selbst einmal aus dem Fenster.“
Der Schweizer zog den Vorhang vor dem zweiten Kutschenfenster zur Seite und stieß scharf die Luft aus.
Mir entfuhr ein „Was zur Hölle?!“ bei dem Anblick, der sich mir bot.
Männer beschossen sich, fielen zu Boden, rannten wie von Sinnen davon, schrien, kämpften, starben. Über der ganzen Szenerie standen Wolken aus Staub, Kanonenpulver, Verzweiflung und Grausamkeit. Der Boden war von zerbrochenen Waffen übersät und vom Blut der Soldaten getränkt.
„Ja, der Krieg ist immer eine Hölle“, brachte der Mann es tonlos auf den Punkt.
Das Gesicht des Kutschers erschien vor dem Fenster.
„Was sollen wir tun, Herr? Weiterfahren wird kaum möglich sein“, fragte er an Dunant gerichtet.
„Wir bleiben“, gab dieser als Antwort, „so wie ich das sehe, ist die eigentliche Schlacht schon beendet. Möglicherweise wird unsere Hilfe benötigt.“
Skeptisch blickte ich auf das Feld.
„Aber da kämpfen doch noch welche?“ Meine Stimme klang seltsam. Vielleicht, weil es nicht mehr nur ein komischer Kauz war, sondern es plötzlich so viele waren.
„Im Eifer des Gefechts gibt es immer wieder Männer, die nicht bemerken, dass der Kampf schon vorbei ist“, erklärte mir der Schweizer, wie als belehre er ein kleines Kind.
Dann öffnete er die Tür der Kutsche und stieg aus.
Ich folgte ihm. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass Dunant Recht hatte. Es waren nur noch wenige Männer, die gegeneinander kämpften. Die meisten waren tot oder lagen schreiend auf dem Boden.
„Aber da braucht es doch jetzt einen Arzt!“, schimpfte der Mann mit dem seltsamen Bart vor sich hin. Ich gestand es mir erst nicht ein, aber offen gesagt hatte ich echte Panik, als ich merkte, wie ich dem Schweizer direkt auf das Schlachtfeld nachlief. Vollends darauf konzentriert, nicht auf irgendwelche der herumliegenden Körper zu treten oder in das Schussfeld eines Soldaten, der noch nicht das Kämpfen eingestellt hatte, zu geraten, merkte ich erst zeitverzögert, dass Dunant damit begonnen hatte die Soldaten zum Waffenstillstand zu bringen und einigen Verwundeten zu Hilfe kam. Er trug sie alle in Richtung unserer Kutsche und fand schließlich sogar einen Arzt, der unter einigen zerschossenen Holzbalken eingeklemmt war. Doch der Arzt war eigenartig, es war, als würde er sich seine Patienten aussuchen. Er stampfte über das Feld und hob mehrere der Holzteile hoch, unter denen nach Hilfe schreiende Kämpfer lagen. Manche zog er dann darunter hervor, bei anderen wiederum ließ er das Stück Holz einfach wieder fallen und ließ den noch lauter klagenden Soldaten zurück.

Als ich wieder zu Dunant blickte, stellte ich erleichtert fest, dass dieser das nicht tat. Er half jedem. Der Schweizer bemerkte, dass ich nur dastand und ihn beobachtete, und rief mir zu, ich solle dem Arzt behilflich sein. Also rannte ich hinter dem wählerischen Typen her und fragte ihn, warum er nur manchen hilft.
Er blickte mich verwirrt an. „Siehst du meine Uniform? Ich bin Österreicher. Da werde ich doch keinem Italiener helfen. Oder gar einem Franzosen!“
Nach dieser Antwort wurde mir so einiges klar. Der Arzt war eigentlich auch nur ein kämpfender Soldat, der möglicherweise vor dem Kriegsbeginn Mediziner gewesen war und deshalb diese Funktion auch auf dem Schlachtfeld innehatte. Aber man half als solcher nur seinen Leuten, nicht den Feinden. Unparteiische Hilfe konnte man von ihm nicht erwarten, dafür aber von Henry Dunant.
„Komm jetzt pack schon mit an“, schnauzte mich der Arzt an, und so half ich ihm, Holzbalken hochzuheben, die Verletzten zu bergen und sie an den Rand des Schlachtfelds zu bringen. Es war unerträglich heiß und anstrengend, den anderen Verletzten und herumliegenden Trümmern auszuweichen, aber am schlimmsten war es, manche, die nicht die selbe Uniformfarbe wie der Arzt trugen, liegenlassen zu müssen und ihre wütenden, verzweifelten Schreie ertragen zu müssen.
„Hey! Jetzt reichts mir!“ Ich packte den Arzt an der Schulter und zwang ihn so zum Stehenbleiben. „Wir helfen jetzt allen! Es ist mir vollkommen egal, dass du nur deinen Leuten helfen willst. Man, dass sind alles Menschen. Menschen, die Hilfe brauchen. Das sind keine Franzosen, keine Italiener, keine keine Ahnung wer noch so mitkämpft, vielleicht noch Spanier oder Engländer oder weiß auch nicht. Das Land ist egal. Das sind jetzt alles nur noch Menschen, die verwundet sind, die schreien und die unsere Hilfe brauchen! Ist das klar?! Ab jetzt schauen wir nicht mehr auf die Farbe, sondern in die Augen. Dann siehst du vielleicht auch die Hoffnung und die Dankbarkeit, die jeder fühlt, wenn man ihm hilft.“ Der Arzt starrte mich entsetzt an. Man, braucht der echt noch mehr Überzeugung?
„Schau dir den Schweizer an“, ich deutete auf Dunant, der gerade einen blauen Soldaten neben einem grünen auf das Gras bettete, „er hilft auch allen. Weil er den Menschen sieht und nicht die Nationalität. Komm jetzt!“
Ich war ehrlich gesagt selbst überrascht, mit wie viel Selbstverständlichkeit ich diesen Arzt in die Schranken wies und mit seiner Hilfe nun noch mehr Soldaten versorgte. Dunant ließ aus dem Nachbardorf Kutschen holen. Wir hoben zu dritt die Verletzten in das Wageninnere und immer noch waren es einfach zu viele Verletzte. Zu viele Tote. Zu viel Zerstörung. Aber wir bekamen immer mehr Hilfe. Die Frauen aus dem nächsten Dorf ließen alles stehen und liegen, und kümmerten sich mit Hingebung um die Soldaten. Dunant und ich fuhren schließlich auch in einer Kutsche in das Dorf mit dem Namen Solferino. Selbst das Dorf war von den Kämpfen beschädigt und die Verletzten wurden in die Kirche gebracht, welche glücklicherweise ohne großen Schaden davon gekommen war. Die Frauen verbanden Wunden, trösteten die Weinenden und gaben ihnen Essen und Trinken. Auch sie halfen allen, wählten nicht aus. Manche Soldaten fragten, warum die Frauen nicht nur ihren Landsleuten helfen, sondern auch den Feinden ihres Vaterlands. Eine gab daraufhin als Antwort: „Ich bin Mutter. Jeder Soldat, der hier liegt, ist für mich nicht ein Kämpfer, sondern der Sohn einer anderen Mutter. Es ist mir egal, ob sie eine Französin ist oder Österreicherin. Ihr seid alles Söhne, die zu ihren Müttern zurückkehren sollten. Ich warte selbst auf einen.“ Dann stand sie auf, und ging zu dem nächsten und gab ihm Suppe. Ich war zutiefst gerührt.
„Komm, steh nicht einfach nur da“, der Schweizer zog mich weiter, „hier ist ein Blatt Papier und ein Stift. Schreib auf, was uns die Soldaten sagen.“
Ich merkte, wie sich dieser hilfsbereite Mann verändert hatte durch die Grausamkeit der Schlacht. Noch in der Kutsche war er ein diplomatischer, höflicher Mensch gewesen, jetzt ließ er seine gehobene Ausdrucksweise fallen und duzte mich sogar. Es war, als ob nun einfach andere Dinge Priorität hätten.
Er ging zielstrebig auf einen etwas weiter in der Ecke liegenden Soldaten zu, der übel zugerichtet war. „Er wird es nicht schaffen“, flüsterte mir Dunant zu. Er sprach mit dem Sterbenden und ich notierte seine letzten Worte an seine Familie. Am Ende dankte der junge Soldat uns und starb mit dem tröstenden Gedanken, dass er seiner Familie wenigstens das unendliche, ungewisse Warten ersparen konnte. Dunant schloss sanft seine Augen und so ging es bis in die Nacht hinein. Ich wurde müde, ich hatte keine Kraft mehr und auch Dunant rieb sich mehrmals über die Augen.
Er teilte die Frauen in Schichten ein und schickte die meisten nach Hause. „Ihr braucht eure Kräfte diese Woche noch. Es bleiben immer drei hier. Die anderen schlafen ein wenig. Es kommen harte Zeiten auf euch zu.“
Eine Frau erklärte sich bereit dazu, uns in ihrem kleinen Haus aufzunehmen. Aber Dunant dachte lange noch nicht ans Schlafen. Er entzündete eine Kerze und gab mir wieder Papier und eine Feder. „Unsere Arbeit ist noch nicht getan. Junge, du hast wunderbar gearbeitet heute. Überlege dir, einmal Arzt zu werden. Aber du wirst ein besserer werden, als dieser Offiziersarzt heute. Was hat er falsch gemacht? Du hast es genau bemerkt, nicht wahr?“
Ich fühlte mich schon wie in der Schule. Müde und trotzdem muss man auf alles antworten.
Ich sagte gähnend: „Ja, er hat nur seine Leute versorgt. Er war nicht unparteiisch.“
„Richtig“, Dunant klang wirklich wie ein Lehrer, „und es ist leider die alltägliche Situation auf den Schlachtfeldern. Jeder Arzt hilft nur denen, die die gleiche Uniform tragen. Es gibt keine unabhängige Hilfe. Und das möchte ich ändern. Dieser Tag heute hat mich geprägt. Mir ist einiges klar geworden. Ich möchte dir etwas diktieren, ehe ich es vergesse.“
Gehorsam nahm ich die Feder zur Hand und schrieb die Ideen von Henry Dunant nieder.
Er hatte den Traum, eine internationale Organisation zu gründen, die unabhängig von der jeweiligen Regierung sein soll, die neutral und ohne Partei zu ergreifen die Soldaten medizinisch versorgen soll. Alle Mitglieder sollen aus Freiwilligkeit dabei sein und eine feste Einheit bilden. Kein Helfer darf angegriffen werden, sie sollen gut erkennbar sein, sich von den Soldaten unterscheiden. Ein Zeichen soll deutlich machen, dass die Helfer nicht kämpfen und zu keinem dazugehören. Das Zeichen sollte möglichst einfach sein. An dieser Stelle überlegte Dunant lange, wie dieses Zeichen aussehen könnte. „Ich werde die Farben der Schweizer Flagge umdrehen!“, rief er schließlich aus. Da blickte ich auf. Ich überlegte.
Und hatte ich es vorher nur geahnt, jetzt war ich mir endlich sicher, wem ich gegenüber saß:
Dem Gründer des Roten Kreuzes.

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